Besuch im Technologiezentrum der Handwerkskammer in Lüneburg


Im Technologiezentrum wurden wir im Sitzungssaal des TZH im 10. Stock des Gebäudes von Herrn Wolfgang Goralczyk, dem Standort- und Abteilungsleiter des TZH herzlich begrüßt. Als erstes gewährte Herr Goralczyk uns bei herrlichem Sonnenschein von der Dachterrasse einen exklusiven Blick über Lüneburg mit seinen Kirchtürmen bis zu Häusern nach Hamburg-Bergedorf in der Ferne.

Von der Terrasse gab es auch eine gute Übersicht auf das große Gelände des TZH, auf dem sich zurzeit der Neubau des Werkstattzentrums für KFZ- und Fahrzeuglackierer in der Endphase befindet. Mit dem Werkstattzentrum III entsteht ein zukunftsfähiger Bildungsstandort mit über 2.000 Quadratmetern Schulungsfläche, sechs modernen Lehrwerkstätten, theoretischen Lerninseln und einem separaten Bereich für die Fahrzeuglackierung. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rund 25 Millionen Euro, wovon die Handwerkskammer selbst rund 10,1 Millionen Eigenanteil zahlt und der Rest von Bund und Land gefördert wird.

Der Neubau wurde notwendig aufgrund der begrenzten Kapazitäten und mittlerweile unzureichenden technischen Ausstattung der bisherigen Werkstätten. Neben den Kfz-Werkstätten umfasst das Konzept auch einen mehr als 650 Quadratmeter großen Bereich für Fahrzeuglackiererinnen und -lackierer mit zwei modernen Lackierkabinen, einer Trocknungskabine sowie Neben- und Lager-räumen. Auch hier werden Unterrichtsräume integriert, um ein handlungsorientiertes Lernen zu ermöglichen.

Das neue Werkstattzentrum ist Teil einer Investitionsoffensive von 100 Millionen Euro für die Ausbildung im Handwerk in den nächsten fünf Jahren. Offizielle Einweihung wird am 4. Juni 2026 in Anwesenheit der Bundesbildungsministerin Karin Prien sein. Der Beginn der praktischen überbetrieblichen Ausbildung wird dann voraussichtlich im Spätsommer 2026 sein.

Gegen Ende des Jahres geht es mit den Investitionen weiter: nach dem Abriss eines alten Gebäudes wird an dessen Stelle ein zweistöckiger Neubau für das Tischlerhandwerk entstehen. In diesem Zusammenhang erfolgt auch die weitere Umgestaltung des Campus im Zentrum des TZH.

Wieder zurück im Sitzungssaal konnten wir uns mit großzügig bereitgestellten Speisen und Getränken stärken und Herr Goralczyk erläuterte uns zunächst eine große Intarsienarbeit an einer Längsseite des Sitzungssaales, die landschaftliche und bauliche Charakteristika des Einzugsbereiches der Handwerkskammer von der Nordseeküste bis nach Südost-Niedersachsen abbildet und zur Einweihung des Gebäudes 1975 von einem Worpsweder Tischler gestaltet und gefertigt wurde.

Herr Goralczyk hatte eine Power-Point-Präsentation für uns vorbereitet, in der er für uns sehr gut verständlich, lebendig und anekdotenreich über die Arbeit der Handwerks-kammer B-L-S über ihre Geschichte und Arbeitsweise informierte und jederzeit offen für Zwischenfragen war.

Das Gebiet der Handwerkskammer reicht derzeit vom Harz bis an die Nordsee. Die HWK Braunschweig-Lüneburg-Stade ist flächenmäßig die größte Deutschlands (20.635 km2) und nach Zahl der Betriebe die größte Kammer Norddeutschland und die zehntgrößte bundesweit (rund 29.512 Mitgliedsbetriebe derzeit, ab 2027 ca. 38.000) vorbehaltlich der Zustimmung des Innenministeriums, die als Formalie gilt, wird es zum 01.01.2027 eine Fusion mit der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen geben.

Tätigkeitsfelder der Handwerkskammer B-L-S:

  • Selbstverwaltung (Handwerksrolle, Lehrlingsrolle, Berufsausbildung
  • Interessenvertretung/Politikberatung (Handwerkskonjunktur, Wirtschaftsbeobachtung /Statistik, Begleitung von Gesetzgebungsverfahren)
  • Servicecenter/Beratung

(Starterzentrum Handwerk, Betriebswirtschaft, Innovationsberatung)

  • Bildungszentrum

(Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU), Meistervorbereitung,

Berufsorientierung für Schüler)

Aufgaben der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU) der Handwerkskammer

B-L-S:

  • Ergänzung des dualen Ausbildungssystems (Betrieb / Berufsschule) als Teil der praktischen Ausbildung
  • Ziele:
Ergänzungsfunktion,
Systematisierungsfunktion
Transferfunktion
  • Rechtliche Grundlage: Handwerksordnung (HWO) und Berufsbildungsgesetz (BBiG)
  • Das Ausbildungsverhältnis besteht dabei grundsätzlich zwischen Lehrbetrieb und Auszubildenden

Inhaltliche Ausgestaltung der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU):

  • Die Initiative für die inhaltliche Ausgestaltung der ÜLU geht vom Handwerk aus.
  • Die Fachverbände des Handwerks ermitteln den Bedarf der Betriebe an Qualifizierung ihrer Auszubildenden und identifizieren entsprechende Inhalte für die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung.

  • Die Lerninhalte werden in Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft erarbeitet und in bundeseinheitlichen Unterweisungsplänen dokumentiert.
  • Die in den Unterweisungsplänen beschriebenen Inhalte sind gestaltungsoffen und flexibel formuliert, um regionalen, betrieblichen und auch branchenspezifische Besonderheiten Rechnung tragen zu können.
  • Für die praktische Durchführung der Lehrgänge ist in der Regel ein Vollversammlungsbeschluss der Handwerkskammer erforderlich.

Umsetzung der ÜLU

  • Je Lehrgang ein Ausbilder mit Meisterqualifikation
  • Durchschnittlich 10 bis 12 Teilnehmer je Lehrgang
  • Wochenlehrgänge
zwischen 3 und 12 Wochen, im Baubereich 32 Wochen während der Ausbildung

  • Voraussetzung: Moderne Werkstätten mit moderner Ausstattung (Investitions-volumen für Bau und Ausstattung der Bildungszentren der Handwerkskammer in den Jahren 2010 bis 2015: ca. 50 Mio. Euro und weiter in 2025 bis 2030 über weiter 50 Mio. Euro).
  • Finanzierung durch eigene Betriebe und Förderung von Bund und Land

Daten – TZH Lüneburg (Stand 2024):

  • 36 Werkstätten mit 523 Arbeitsplätzen auf 5.615 qm
  • 15 Unterrichtsräume
mit 378 Arbeitsplätzen auf 1.075 qm
  • 934 Lehrgänge und Seminare
  • 9.628 Teilnehmer
  • 80 Gästezimmer mit 210 Betten
  • 25.055 Gästehausübernachtungen
  • 9,08 Mio. Umsatz

Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung in 24 Berufen

  • Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik

  • Bäcker

  • Bauten- und Objektbeschichter
  • Beton- und Stahlbetonbauer
  • Elektroniker

  • Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk

  • Fahrzeuglackierer

  • Feinwerkmechaniker

  • Fliesenleger

  • Friseur

  • Informationselektroniker
  • Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker
  • Kaufmann für Büromanagement
  • Kraftfahrzeugmechatroniker
  • Maler und Lackierer
  • Maurer
  • Land- und Baumaschinenmechatronik

  • Metallbauer
  • Parkettleger
  • Steinmetz und Steinbildhauer
  • Tischler
  • Zerspanungsmechaniker
  • Zimmerer
  • Zweiradmechatroniker
  • In 2024 insgesamt: 2.333 Lehrgänge mit 22.179 Teilnehmern

Meistervorbereitung in 15 Berufen

  • Bäcker
  • Elektrotechniker
  • Feinwerkmechaniker
  • Fliesenleger
  • Friseur
  • Installateure- und Heizungsbauer
  • Karosserie- und Fahrzeugbauer
  • Kraftfahrzeugtechniker
  • Landmaschinenmechaniker
  • Maler und Lackierer
  • Maurer- und Betonbauer
  • Metallbauer
  • Steinmetz- und Steinbildhauer
  • Tischler
  • Zimmerer
  • In 2024 insgesamt: 31 Meistervorbereitungslehrgänge mit 600 Teilnehmern sowie 179 sonstige Lehrgänge in der Fort- und Weiterbildung (kaufmännisch und technisch) mit 2.5044 Teilnehmern

Im Anschluss an seine Präsentation führte uns Herr Goralczyk über den Campus und durch mehrere Werkstätten der TZH, wo er uns einen Einblick in die Praxis der überbetrieblichen Ausbildung gab.

Ausbildungsmeister Matthias Krause erklärte uns grundsätzliche Unterschiede und erläuterte Einzelheiten von Dreh- und Fräsmaschinen und dass auch in das Handwerk bereits Künstliche Intelligenz anwendungsbezogen Einzug gehalten hat und die zukünftige Arbeit zunehmend mitbestimmen wird. Einen kurzen Blick konnten wir auch in die theoretische Unterweisung einer Meisterklasse der Elektriker werfen.

Text und Bilder von Hermann Willenbrock